Real schießt den BVB in die Euro League!

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Endspurt in der Gruppenphase der Champions League! Rein tabellarisch waren die Würfel in der „Todesgruppe“ H bereits gefallen und dennoch durften sich diejenigen, die ein Ticket für das Mittwochabend-Spiel im Estadio Santiago Bernabéu ergattern konnten, äußerst glücklich schätzen. Schließlich erwarteten die Königlichen hohen Besuch vom Dortmunder Borsigplatz. In der jüngeren Vergangenheit avancierte das Duell zwischen dem CL-Rekordsieger und dem Ballspielverein Borussia zu einem echten Klassiker im Konzert der Großen. Packende Duelle mit rasantem Offensiv-Fußball blieben tausenden Fußballfans in bester Erinnerung. Auch wenn das heutige Match unter dem Stern der sportlichen Bedeutungslosigkeit stand, waren tausende Menschen in froher Erwartung eines Fußballfestes in das weite Rund an der Concha Espina gepilgert. Wenngleich sowohl das Weiterkommen der Blancos, als auch das Ausscheiden der Schwarz-Gelben bereits vor dem aktuellen Spieltag besiegelt worden war, standen beide Lager gewissermaßen unter Zugzwang. Die Mannen von Zinédine Zidane hatten nach den zuletzt äußerst mageren Auftritten in der Liga und besonders nach dem ernüchternden Remis gegen die Elf von Athletic Bilbao einiges an Widergutmachung zu leisten. Apropos ernüchternd: Besser ließe sich der Status Quo der Borussia aus Dortmund wohl nicht umschreiben. Der BVB befindet bekanntlich schon seit geraumer Zeit auf einer sportlichen Talfahrt, die den Trainerstuhl Peter Bosz‘ gehörig wackeln lässt. Lockerlassen war also hüben wie drüben keine Option.

Viel Kredit hatte Zidane an diesem Abend wahrlich nicht mehr zu verspielen. Zu besorgniserregend und unzureichend waren die jüngsten Darbietungen seiner Schützlinge. Trotzdem rotierte der Franzose furchtlos durch die eigenen Reihen. So bekamen unter anderem Borja Mayoral, Lucas Vázquez und Théo Hernández die Chance, sich in den Fokus ihres Übungsleiters zu spielen. Gesagt, getan: Die Jungs in den weißen Dressen agierten in den ersten Minuten der Partie bissig und spielfreudig, auch wenn sich freilich auch ein paar Unkonzentriertheiten ins Spiel der Merengues einschlichen. Auf den durchaus munteren Beginn folgte prompt die Führung für die Hausherren. Seinen Ursprung hatte der Treffer in einem ansehnlichen Flankenlauf Ronaldos, der Bartra fixierte und den Ball in die gefährliche Zone einspielte. Das Leder fand Isco, der mehr oder weniger freiwillig auf Mayoral durchsteckte. Der Canterano verwertete diese Weitergabe dann mit ganz feiner Klinge und versenkte die Kugel  in der 8. Minute mustergültig in den Maschen der Gäste.

Jene Maschen zappelten gut drei Minuten später erneut, als CR7, der nun als Vollstrecker glänzte, sein 9. Tor im laufenden Wettbewerb frenetisch bejubeln durfte. Der Weltfußballer aus Funchal fasste sich am Rande der gegnerischen Box ein Herz und wuchtete das Spielgerät im Stile eines Weltfußballers ins Gebälk der völlig überforderten Dortmunder. Ein Mann, ein Wort: WELTKLASSE! Keeper Bürki blieb auch in dieser Szene nur das Nachsehen, während das Bernabéu seiner Galionsfigur huldigte. Der madrilenische Fußballtempel glich in diesen Momenten einem Tollhaus. Die zweite Garde der Merengues spielte ganz nach dem Gusto ihrer Gefolgschaft und führte völlig verdient mit 2:0, da waren kaum 15 Minuten verstrichen.

In etwa 10 Minuten später aklimatisierten sich die Gäste aus Deutschland sichtlich besser ans Spielgeschehen auf dem satten Grün. Plötzlich erschien Christian Pulisic durchaus gefährlich vor dem Kasten des Keylor Navas, doch Varane wusste die Situation gekonnt zu entschärfen. Letzteres musste auch der costa-ricanische Schlussmann Reals leisten, als Shinji Kagawa unmittelbar vor ihm zum Schuss ansetzte.

Alles in einem gab es in Hälfte eins reichlich Grund zur Zufriedenheit und dennoch war auch gegen 21:28 nicht alles gold, was glänzt. Offensiv schien die Vorstellung Madrids nahezu unverbesserlich, von der Defensiv-Abteilung konnte man selbiges, leider Gottes, nicht behaupten. Das Konstrukt Théo, Ramos, Varane (musste kurz vor der Pause verletzungsbedingt vom Feld) und Nacho wirkte alles andere als sattelfest. Folgerichtig klingelte es zwei Minuten vor Ende der ersten Halbzeit im Kasten der Hausherren. Aubameyang nickte den Spielball nach einer punktgenauen Hereingabe von Marcel Schmelzer, an Navas vorbei, ins Netz und sorgte mit dem Anschlusstreffer wieder für Spannung im ESB. Und was soll man sagen: Dieser Treffer hatte sich überdeutlich angekündigt!

Kaum war der Startschuss in Hälfte 2 gefallen, lief einem jeden Madridista ein Schauer über den Rücken: Grund hierfür war der Sprinter aus Gabun, der mit einem zarten Lupfer, per Nachschuss den Augleich markierte. Der Vorsprung war somit egalisiert, die überragenden gut 20 Minuten zu Beginn des Matches vergessen und der totgeglaubte Gegner aus dem Westfalenstadion binnen weniger Minuten wieder voll im Geschäft. Nuri Sahin, Kagawa & Co. schöpften Hoffnung, während Real sich von den Comeback-Qualitäten der Dortmunder sichtlich beeindruckt zeigte. Real fand fortan nicht mehr in die Spur, nach dem frühen 2:0 hatte man den Fuß schlagartig vom Gaspedal genommen, das man nun verzweifelt wiederzufinden versuchte. Abgesehen von ein paar, eher wenig bedrohlichen Annäherungen an das Tor der Borussia und einem zurecht aberkannten Abseits-Tor, schien Real schlichtweg nichts mehr gelingen zu wollen. Dennoch stieg der Druck auf die Dortmunder Viererkette beständig an, bis Lucas Vázquez den Ball, nach einer passgenauen Kopfball-Ablage, in Zeitlupe ins Tor schnibbelte.

Eine knappe Viertelstunde danach war die Messe gelesen, der königliche Stimmungsblock besang den 3:2 Erfolg ihrer Helden mit den altbekannten Liedern über ihren Herzensklub. Um in diesem Kontext zu bleiben: Das Ende vom Lied war ein knapper 3:2-Sieg über verunsicherte Dortmunder, die ihr Glück im neuen Jahr in der Europa League versuchen müssen. Real hingegen tütet drei weitere Punkte ein, die aber nichts daran ändern, dass die Blancos lediglich als Gruppenzweiter ins Achtelfinale der Königsklasse einziehen. Auf geniale 20 Minuten folgten eine Menge Schludrigkeiten, die die anfangs entfachte Euphorie merklich bremsten.